Bis heute sind die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges und seiner Folgen, vor allem der Flucht und der Vertreibung von Millionen Menschen in vielerlei Hinsicht unbewältigt und oftmals unbetrauert. Die mittlere Generation in Deutschland beginnt zu entdecken, wie sehr sie selbst im Schatten dieser epochalen Katastrophe lebt und wie diese, durch die Erfahrungen und Traumata ihrer Eltern und Familien bedingt, auch ihr eigenes Leben in unterschiedlichen Graden beeinflusst.

Trauer ist ein Schlüsselbegriff für den Prozess der Heilung. Unbetrauertes Leiden belastet nicht nur die unmittelbar Betroffenen, es belastet auch ihre Kinder und Nachkommen.

Sowohl für die Angehörigen dieser Generation als auch auf nationaler und europäischer Ebene ist ein tiefer Klärungsprozess erforderlich, um aus dem langen Schatten des Krieges heraustreten zu können.

TRAUMASCHATTEN

Wir leben nicht aus uns selbst. Unser Leben wird von Einflüssen geprägt, die älter sind als wir.
Krieg, Flucht und Vertreibung haben vor 60 Jahren Millionen Menschen betroffen – allein 15 Millionen waren Flüchtlinge.
Heute erst erkennen wir, wie sehr die Erfahrungen der Eltern und weiterer Familienangehöriger, ihre Angst im Luftschutzkeller, die gewaltsame Entwurzelung und die Zerstörung gewachsener Heimat-Fundamente auf das Leben der Nachkommen einwirkt, und das noch, wenn sie Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geboren wurden.

NEBELKINDER

Meine Erkenntnis nach langer Auseinandersetzung damit lautet:

„Wir sind Nebelkinder. Wir tragen unsichtbare Stigmata des Krieges an unseren Seelen. Ich wusste zum Beispiel den größten Teil meines Lebens nicht, was mich eigentlich geprägt hat. Die wichtigsten Einflussfaktoren lagen für mich lange Zeit im Nebel.  Sie waren deswegen nicht zu erkennen, weil ich sie gar nicht zu verantworten hatte: Andere haben das. Diese Einflüsse entstanden lange vor meiner Geburt, während der Vertreibung meiner Familie. Dieses Geschehen wirkt immer noch, wie ein Schatten, der auch auf mein Leben gefallen ist.“

J. Süss


Die Angehörigen der mittleren Generation in Deutschland, deren Biographie durch traumatische Kriegserlebnisse von Eltern und nahen Familienangehörigen überschattet wird, bezeichnet man inzwischen als Kriegsenkel. Es sind Menschen, die von sich selbst sagen, sie gingen mit gebremster Energie durch ihr Leben und fühlten sich nirgendwo richtig zuhause. Am Grund ihres individuellen Seins gibt es scheinbar keine Stabilität, die ihnen ermöglichen könnte, ihr Leben auf sicheren Fundamenten „zu gründen“. Stattdessen finden sie dort: ein Gefühl von Wurzellosigkeit, Unsicherheit, eine unbestimmte Trauer, diffuse Ängste.

Viele dieser Menschen erkennen oft erst in der Lebensmitte, wie sehr das Erbe ihrer Eltern und Familien nachwirkt und für die Beeinträchtigungen ihrer persönlichen Entwicklung, ihres beruflichen Fortkommens und ihrer Beziehungsfähigkeit verantwortlich ist.

Hinter diesen Symptomen liegen existenzielle Fragen, die beantwortet werden wollen:

  • Wo gehöre ich hin? Wo liegt mein Lebensort?
  • Was ist meine Aufgabe? Wozu bin ich da?
  • Wer bin ich?

ZIELE

  • Öffentlichkeit für die Tiefenwirkung der jüngeren Geschichte herstellen
  • Methoden entwickeln, wie das seelischen Erbe des Krieges bewältigt werden und ein davon unbelastetes Leben möglich werden kann
  • Projekte konzipieren und initiieren, die die Gegenwärtigkeit der jüngeren Geschichte als Aufgabe von nationalem und europäischem Rang thematisieren, insbesondere im deutsch-polnischen und deutsch-tschechischen Dialog
  • Anstöße zu einer neuen Trauerkultur geben, die dazu beitragen kann, den Traumaschatten der Vergangenheit zu überwinden

Kalender

18.02.2016, 19.30 Uhr
Lesung Nebelkinder, Buchhandlung Henze, Wolgast
 
12.03.2016, 16-19:00 Uhr
00 traumA: das Happening mit Vortrag, 20.00 traumA: das Theaterstück.
Alte Feuerwache Köln, Melchiorstraße 3