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Was sind Kriegsenkel?

Der Begriff „Kriegsenkel“


Der Begriff „Kriegsenkel“ bezieht sich hauptsächlich auf Angehörige der geburtenstarken Jahrgänge bzw. der Babyboomer, die von 1960 bis zum Höhepunkt des Pillenknicks 1975 geboren wurden. Es handelt sich um die Kinder der sogenannten „Kriegskinder“, die ihrerseits zwischen 1928 und 1946 zur Welt kamen und während der Nazizeit, des Zweiten Weltkrieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit selbst noch Kinder bzw. Heranwachsende gewesen waren. Die Eltern der Kriegsenkel waren, darauf spielt der Begriff Kriegskinder an, überwiegend keine Soldaten oder Wehrmachtshelfer und damit nicht aktiv an Kriegshandlungen beteiligt.
Diese Präzisierung ist wichtig, weil sie auf die speziellen Belastungen der Kriegskinder verweist, die das Leben ihrer Nachkommen überschatten. Im Unterschied zu den Soldatenvätern und den Mutterkreuz-Müttern der in den 1950er Jahren geborenen Vorgängergeneration, den sog. Nachkriegs- bzw. Soldatenkindern und späteren 68ern, waren die Eltern der Kriegsenkel zumeist passiv in das Kriegsgeschehen involviert; sie wurden in den Luftschutzkellern traumatisiert, erlebten Vergewaltigung, Sterben und das Leid von Angehörigen mit und entgingen nicht selten selber nur knapp dem Tod. Im Unterschied zu den 68ern, die sich an den Untaten ihrer Erzeuger heftig und gesellschaftserschütternd reiben konnten, boten die Eltern der Kriegsenkel keinerlei Reibungsfläche; sie waren zumeist Opfer.
Die persönliche Zuordnung zu den Kriegsenkeln wie auch zu den Kriegskindern sollte aber nicht in erster Linie nach den genannten Jahrgängen erfolgen. Wichtig ist vielmehr, ob man sich aufgrund der eigenen Lebenssymptomatik als Kriegsenkel sieht oder nicht.
Der Begriff Kriegsenkel wurde vermutlich zum ersten Mal in der autobiografischen Erzählung „Ich, Rabentochter“ der in München lebenden Autorin Katharina Ohana verwendet, die 2006 erstmals erschien. Größere Verbreitung erfuhr er im Gefolge der Bestseller von Anne-Ev Ustorf, „Wir Kinder der Kriegskinder“, 2008, und Sabine Bode, „Kriegsenkel“, 2009.
Der Begriff Kriegsenkel hat infolge dieser Publikationen und weiterer, einschlägiger Titel eine starke identifikatorische Kraft entfaltet und wird inzwischen von zahlreichen Vertretern der Jahrgänge ab ca. 1960 wie eine Selbstbezeichnung verwendet.

 


Biographische Erfahrungen von Kriegsenkeln


Erst seit wenigen Jahren wissen wir – und dies ist mittlerweile auch fachwissenschaftlich nachgewiesen-, dass schwerwiegende Erfahrungen und Traumatisierungen im Zusammenhang mit Krieg und Gewaltherrschaft auf die Nachfolgegenerationen ausstrahlen und diese schwer belasten können. Das bedeutet, dass Menschen mitunter Folgen von Ereignissen zu tragen haben, die Jahre und Jahrzehnte vor ihrer Geburt stattgefunden haben.
Die Folgen der Erfahrungen und Erlebnisse, die ihre Eltern während der NS-Zeit und im Zweiten Weltkrieg gemacht haben, wirken sich bei Kriegsenkeln in vier Bereichen aus: im Bereich der Selbstwahrnehmung, im Beruf, in familiären Zusammenhängen und sozial.
Selbstwahrnehmung: viele Kriegsenkel verfügen über ein defizitäres Selbstbild. Sie empfinden sich als „weniger wert“ als andere Menschen in ihrer Umgebung, verhalten sich defensiver und abwartender und sehen sich und ihr Leben auf fragilem, instabilem Grund stehend. Auch leiden viele unter unerklärlichen Ängsten, Gefühlen von Einsamkeit und einer oft nicht näher zu bestimmenden melancholischen Grundempfindung.
Beruf: Kriegsenkel klagen häufig darüber, im eigenen Beruf nicht ankommen zu können oder den falschen Beruf erlernt zu haben. Berufliches Scheitern, häufige Wechsel der Tätigkeiten sind ebenso charakteristisch wie Aus- und Weiterbildungen in Serie, die aber letztlich nicht zielführend sind und zu beruflicher Stabilität führen.
Familie: die eigene Herkunftsfamilie wird nicht selten als instabil und wenig förderlich erlebt. Das Verhältnis zu den eigenen Eltern ist oft konfliktbelastet, die Atmosphäre zuhause wird von vielen Kriegsenkeln als lieblos geschildert. Auch die eigenen Beziehungen empfinden sie oftmals als fragil, viele leben als Single. Ein großes Thema bei Kriegsenkeln ist die eigene Kinderlosigkeit.
Sozial: Viele Kriegsenkel sagen über sich, sie verfügten nicht über stabile Netzwerke bzw. über nur wenige stabile Freundschaften. Dort, wo sie aktuell lebten, fühlten sie sich fremd. Sie sehnen sich nach einem stabilen Zuhause, ziehen aber häufig um. Die Themen „Heimat“, „Wurzeln“, „Ankommen“, „sich niederlassen“ sind große Themen für Kriegsenkel, wenn auch ihr Dialog darüber deutlich macht, dass sie im Bereich von Wunsch und Hoffnung angesiedelt sind und nicht in der eigenen Lebenswirklichkeit.

 


Warum der Begriff Kriegsenkel immer populärer wird


Die enorme Popularisierung des Begriffs Kriegsenkel erklärt sich aus der Tatsache, dass er Zusammenhänge zwischen den Generationen deutlich macht, die in Deutschland noch um die Jahrtausendwende so nicht gesehen wurden, und die geeignet erscheinen, die eigene Lebensgeschichte neu zu interpretieren und vollständiger zu verstehen.
Weil er den Horizont über die eigene Lebensspanne hinaus (in die Vergangenheit) erweitert, ermöglicht der Kriegsenkel-Begriff, offene Fragen im Kontext der eigenen Biographie zu beantworten, die bislang nicht schlüssig aus den eigenen Lebenszusammenhängen zu erklären waren. Mithin erlaubt er also, Erfahrungen persönlichen und beruflichen Scheiterns, existenzielle Brüche, Suchtverhalten oder Depressionen vor dem Hintergrund der eigenen Familiengeschichte als transgenerationale Folgen belastender bis traumatischer Erfahrungen der Eltern neu zu deuten und dadurch in einen anderen Verständnisrahmen einzuordnen. Die Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte in der NS-Zeit und im Zweiten Weltkrieg wird dabei vielfach als befreiend erlebt, vorher als diffus wahrgenommene Gefühlslagen klären sich nun.
Die Karriere des Begriffs Kriegsenkel lässt sich somit aus seiner entlastenden Funktion erklären: Wird die eigene Lebensgeschichte nämlich aus generationsübergreifender Sicht interpretiert, kann die Urheberschaft bzw. Schuld an negativen Erfahrungen und Anteilen an die Vorgängergeneration delegiert werden. Die damit verbundene Gefahr besteht freilich darin, sich gleichsam hinter dem Begriff zu verstecken und damit eine produktive und heilende Auseinandersetzung mit problematischen Aspekten der eigenen Familien- und Lebensgeschichte zu verweigern.
Der Begriff Kriegsenkel entwickelt sich mehr und mehr zur Signatur für eine ganze Generation: Die in den 1960er und 1970er Jahren Geborenen, die sich lange im Schatten ihrer Vorgänger, den sogenannten 68ern, bewegten und denen man nicht selten Kontur-und Profillosigkeit attestierte, scheinen als Kriegsenkel ihr Thema, ihre Generationenaufgabe und damit ihr historisches Profil gefunden zu haben.

 


Literatur


Bettina Alberti: Seelische Trümmer. Geboren in den 50er und 60er-Jahren: Die Nachkriegsgeneration im Schatten des Kriegstraumas. Kösel, München 2010 ISBN 978-3-466-30866-8

Kathleen Battke: Trümmerkindheit. Erinnerungsarbeit und biographisches Schreiben für Kriegskinder und Kriegsenkel. Kösel, München 2013, ISBN 978-3-466-30989-4

Sabine Bode: Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation. Klett-Cotta, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-608-94550-8

Heike Knoch, Winfried Kurth, Heinrich J. Reiß, Götz Egloff (Hrsg.): Die Kinder der Kriegskinder und die späten Folgen des NS-Terrors. Jahrbuch für psychohistorische Forschung Band 13, Mattes, Heidelberg 2012, ISBN 978-3-86809-070-3

Hartmut Radebold, Werner Bohleber, Jürgen Zinnecker (Hrsg.): Transgenerationale Weitergabe kriegsbelasteter Kindheiten. Interdisziplinäre Studien zur Nachhaltigkeit historischer Erfahrungen über vier Generationen. Juventa, Weinheim und München 2008, ISBN 978-3-7799-1735-9

Andrea Schwarz: Wenn die Orte ausgehen, bleibt die Sehnsucht nach Heimat. Fragmente einer geerbten Geschichte. Herder, Freiburg i.Br. 2009, ISBN 978-3-451-32192-4

Joachim Süss, Michael Schneider (Hrsg.): Nebelkinder. Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte. Europa, Berlin, München, Wien 2015, ISBN 978-3-944305-91-2

Ders., Jenny Schon: PostelbergKindeskinder, Träume und Trauma. Odertor, Bad Schussenried 2011, ISBN 978-3-87336-367-0
Ders., Sybille Dreher (Hrsg.): Vertreibung, Verständigung, Versöhnung, Gerhard Hess, Bad Schussenried 2011, ISBN 978-3-87336-372-4
Ders.: Esej: Ucieczka wciąż trwa, Wochenblatt.pl 5 (1191) 02 2015
Ders.: Esej: Wrocław i ja, Wochenblatt.pl 22 (1104) 06 2013
Ders.: Der Weg der Vertreibung, Eine Spurensuche mit Kindern von Vertriebenen in Glatz, Teil 1, Schlesische Nachrichten SN6/2013, Teil 2: SN7/2013
Ders.: Die zerbrochenen Fundamente als Last auf der Seele, Flucht und Vertreibung: Das psychologische Erbe belastet mittlerweile viele aus der Enkelgeneration, Thüringische Landeszeitung: http://www.tlz.de[...]

Kriegserlebnisse und deren Auswirkungen auf die Kinder- und Enkelgenerationen, Ermlandbuch 2013, ISSN 0421-3793

Anne-Ev Ustorf: Wir Kinder der Kriegskinder. Die Generation im Schatten des Zweiten Weltkrieges. Herder, Freiburg i.Br. 2008, ISBN 978-3-451-29814-1

 

Weblinks


www.kriegsenkel.de
www.forumkriegsenkel.de

 

TABUORTE – TRAUERORTE – LEBENSORTE

 

Das interdisziplinär angelegte Projekt befasst sich mit den gesellschaftlich wie auch individuell virulenten Trauer- und Heilungsdimensionen, die mit dem Zweiten Weltkrieg sowie mit Flucht und Vertreibung verbunden sind.

Orte stellen konkret zugängliche raum-zeitliche Koordinaten dar, die als menschlicher Wurzelgrund über Wachstum, Identitätsbildung und Lebenschancen entscheiden. Persönlichkeit und Potenzial, Herkunft und Zukunft fließen in einer solchen Koordinate wie in einem vierdimensionalen Geflecht zusammen und bilden das, was umgangssprachlich mit dem nicht ganz einfachen Begriff „Heimat“ gekennzeichnet wird. Der Zweite Weltkrieg brachte, wie alle großen Kriege, die monumentale Zerstörung dieses gewachsenen Geflechts mit sich. Destabilisierung, Des-Identifikation, existenzielle Unsicherheiten und massenhafte Ent-Heimatung durch die Vertreibung von Millionen Menschen waren die Folgen. Sie wirken über Generationsgrenzen bis heute nach.

Ziel dieses Projektes:  Phänomenologische, zeitgeschichtliche, psychologische und theologische Ansätze wirken zusammen, um das Spannungsfeld von Trauma, Tabu und nachzuholender Trauerarbeit abzubilden und dabei Möglichkeiten auszuloten, wie der Traumaschatten des Krieges geheilt werden kann, und zwar in individueller, nationaler und europäischer Perspektive.

Kalender

18.02.2016, 19.30 Uhr
Lesung Nebelkinder, Buchhandlung Henze, Wolgast
 
12.03.2016, 16-19:00 Uhr
00 traumA: das Happening mit Vortrag, 20.00 traumA: das Theaterstück.
Alte Feuerwache Köln, Melchiorstraße 3